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Biker: Die neue Suche nach alten Werten

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Die Motorradindustrie hört es nicht gerne, aber gerade junge Menschen interessiert das Wettrüsten um noch mehr PS und Elektronik überhaupt nicht. Sie suchen nach alten Werten, ehrlicher Formensprache und verständlicher Technik. So wie Nils Ksienzyk, der aus heruntergekommen, alten Motorrädern göttliche Unikate zaubert.

Gegen den Strom

Der Trend zu nostalgischen Motorrädern mit wenig Leistung, dafür umso intensiverem Fahrerlebnis ist gerade bei einigen jungen Menschen unübersehbar. 200 PS, einstellbare Traktionskontrolle und Sitzbankheizung ist ihnen schnurz. Sie flanieren mit ihren alten, oft selbst umgebauten Schätzchen über die breiten Boulevards der City und cruisen über gewundene Landstraßen. Es geht ihnen um den Ausdruck des Individuellen, der persönlichen Beziehung zum Motorrad. Ein Bike von der Stange kommt deshalb nicht in Frage und im Neuzustand schon mal gar nicht. Das Motorrad muß authentisch sein, keine künstlich auf alt getrimmten Kisten wie sie fast alle großen Motorradmarken mittlerweile im Angebot haben. Es ist gerade die schlichte Formensprache, die zeitlos schön bleibt.

Nils Ksienzyk ist 28 Jahre alt und liegt damit um gut zwei Jahrzehnte unter dem bundesdeutschen Durchschnittsmotorradfahrer. Er besaß zwar schon das eine oder andere Motorrad, aber keines, was ihn wirklich überzeugt hätte. Bis er vor fünf Jahren zufällig über die Honda CB 500 Four stolperte. Zustand: erbärmlich. Motor: lief nicht. Keine Schlüssel, keine Papiere. Immerhin das Baujahr 1973 war Anhand der Fahrgestellnummer noch zu eruieren. „Ich wußte sofort, die ist es!“, sagt Nils. Die meisten anderen hätten sich bei dem Wrack mit Schaudern abgewandt, aber er hatte in dem verrosteten Haufen Alteisen etwas Besonderes gesehen und es sich zur Aufgabe gemacht, seine Vision zu realisieren. Er wollte etwas Eigenes, Einzigartiges schaffen. Fast jede freie Minute verbrachte er mit Schrauben, Flexen, Dengeln und Schweißen in der Garage seines Großvaters, dabei gab es dort nicht einmal Licht.

Inzwischen hat Nils eine kleine Halle in Sankt Augustin bei Bonn gemietet und nennt seine kleine, aber feine Firma „Fate Customs“. Die Namensgebung „Schicksal“ Customs wählte er mit Bedacht. Der hoch gewachsene Blondschopf hatte in seinem Leben einige harte Schicksalsschläge zu verkraften, darüber reden möchte er nicht. Vielleicht war es gerade das Schrauben, der kreative Prozeß, der ihm über vieles hinweggeholfen hat.

Learning by doing

Er hortet noch einige andere alte Hondas mit zwei und vier Zylindern sowie eine Yamaha SR 500. Bei den Modellen stimmt für Nils wenigstens die Basis, was heißen soll: Sie sind für Umbauten geeignet. Er hatte schon beim Start des Projekts „Kobra“, wie er seine CB 500 Four getauft hat, ganz klare Vorstellungen. Das Motorrad sollte sich so tief wie möglich über den Asphalt ducken. Alles Überflüssige mußte ab, da war er mit der Flex gnadenlos. Das Heck gestaltete er minimalistisch. Die Seitendeckel, der Luftfilterkasten und die klobige Sitzbank samt Hinterradabdeckung flogen als erstes raus. Die Form des Sitzbankhöckers dengelte er stundenlang bis das Blech knapp, aber perfekt über den Hinterreifen paßte. Dabei ist Nils reiner Autodidakt, hat sich alles bei anderen abgeguckt, das Schweißen vom Großvater beigebracht bekommen und der Rest war „learning by doing“. Beruflich hat er überhaupt nichts mit Technik zu tun, umso höher muß dieser atemberaubende Umbau bewertet werden.

Es gab bei der Entstehung der Kobra immer wieder Rückschläge, aber Nils blieb hartnäckig. Mal paßten Teile nicht, dann waren bestimmte Komponenten nicht aufzutreiben. Manchmal stellte er fest, daß bereits geleistete Umbaumaßnahmen sich nicht zu hundert Prozent ins Gesamtbild integrieren wollten und schmiß sie kurzer Hand wieder raus. Die vier Krümmer umwickelte er mit Tapeband, den Auspuff kürzte er drastisch und das Rohr endet nun knapp hinter dem Motorblock. Die Stummellenker mit den integrierten Blinkern setzte er so tief wie möglich an die Gabel. Ein gelber Scheinwerfer, den er von einem Spezialisten aus den USA geordert hat, leuchtet eher dürftig die Fahrbahn aus und ein winziger Tacho gibt das Tempo an. Die gesamte Elektrik verlegte er neu und das Zündschloss fand seinen Platz auf dem Lampentopf.

Einen Satz Stoßdämpfer und die Gabel bestellte er bei einem bekannten Customizer. Der Nummernschildträger wanderte mitsamt einem kleinen Rücklicht auf die linke Seite, schließlich sollte der Hinterreifen so frei wie möglich stehen. Durch vier K&N-Luftfilter holen die Original-Vergaser Luft. Den Tank passte er zwar an, der alte Lack blieb aber drauf. „Die Patina ist mir wichtig“, erklärt er. So ein Bike muß authentisch bleiben, eine neue Lackierung hätte diese Aura zerstört. Fast drei Jahre dauerte es, bis die Kobra endlich fertig war. „Als ich den Kickstarter durchtrat und sie wieder zum Leben erweckte, war das der schönste Moment meines Lebens!“, erklärt Nils.

Was noch fehlt

Sein Umbau erregte rasch Aufsehen in den einschlägigen Foren im Internet, auch große Firmen wurden auf ihn aufmerksam. Letzten Herbst stand die Kobra während der Intermot in Köln auf dem Stand von Metzeler. Der Reifenhersteller wollte den hübschen Honda-Umbau als Hingucker haben. Kaufangebote? „Reichlich“, grinst Nils und winkt gleich ab, „aber die Kobra ist unverkäuflich.“ Sein Baby verkauft man nicht. Aber gegen Aufträge hat Nils nichts einzuwenden. Davon leben kann er zwar noch nicht, aber er hofft, daß eines Tages soweit sein wird. Momentan arbeitet Nils an einem neuen Projekt, über das er jedoch noch nichts Konkretes verraten will. Nur so viel: „Es geht in eine andere Richtung, wird aber auch sehr spektakulär.“

Doch etwas fehlt noch. „Ich will Straßenzulassung für die Kobra bekommen.“ Tatsächlich stehen seine Chancen gut, hat man ihm beim TÜV versichert. Natürlich muß er dafür noch ein paar Kleinigkeiten an seiner eigentlich perfekten Kobra ändern, ohne Vorderradkotflügel geht es nun mal nicht, aber das will Nils in Kauf nehmen. Wenn auch nur schweren Herzens, denn dafür muß er ein Stück Individualität aufgeben.

Original erschienen auf: http://www.heise.de/autos/artikel/Fate-Customs-Die-neue-Suche-nach-alten-Werten-2789443.html