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Benimmregeln für Rußland in 5 Teilen

Benimmregeln für Rußland Teil 3:  Nicht zuviel lächeln!

Auf den ersten Blick können Russen für Deutsche unfreundlich und verschlossen wirken. Das liegt unter anderem daran, daß es in Rußland nicht üblich ist, fremde Menschen anzulächeln. Einen kurzen Blickkontakt aufnehmen und ein Lächeln andeuten – so geht man in Europa miteinander um. Doch in Rußland ist das unverbindliche Lächeln so gut wie unbekannt.

Warum fällt es einem Russen so schwer, einfach nett zu sein, möchte man fragen? Doch seien Sie nicht zu schnell mit Ihrem Urteil. Die Russen sind nicht unfreundlicher oder unhöflicher als die Deutschen. Sie legen nur den Schwerpunkt anders. Und zwar auf die persönliche Ebene.

Wer in Rußland fremde Menschen ohne besonderen Grund anlächelt, kann sogar für geistig behindert gehalten werden. „Warum grinst Du wie ein Idiot?“, heißt es im Volksmund. Denn ein Lachen muß vom Herzen kommen, und nicht nur „vorgetäuscht“ oder unverbindlich sein.

Die Russen lieben eben keine Zwischentöne: „Wenn schon lieben, dann von Herzen, wenn schon drohen, dann nicht zum Scherzen,(…) Wenn schon strafen, dann gerecht, Wenn schon feiern, dann bezecht!“, schrieb der Dichter Alexej Tolstoi über den russischen Charakter.

Dazu kommt natürlich, daß viele Menschen in Rußland tatsächlich nicht viel zu Lachen haben. Fast jeder hat mit schwerem Alltag und irgendwelcher Willkür zu kämpfen. Und dabei soll man nett lächeln? Die Russen sehen darin keinen Sinn. In modernen Nobelboutiquen wird zwar immer wieder versucht, den Kunden auf „westlicher“ Art zu begrüßen, doch das Lächeln der Verkäufer wirkt meist sehr künstlich.

Erst sobald sich ein Russe Ihnen öffnet, ändert sich das fundamental. Er kann dann eben von Herzen lachen. Überhaupt wird der Begriff „Erzogenheit“ in Rußland anders verstanden und hat wenig mit dem westlichen „guten Ton“ oder der offiziellen Etikette zu tun. Höfliches Benehmen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Galanterie den Frauen gegenüber, sowie das Bemühen, für einen „Kulturmenschen“ gehalten zu werden, werden in Rußland ganz groß geschrieben.

Benimmregeln für Rußland Teil 4: Telefonieren auf Russisch

“Aljo?” (Hallo?), „Da!“ (Ja!) oder „Sluschaju! (Ich höre.) So meldet man sich in Rußland am Telefon. Das klingt für deutsche Ohren ungewöhnlich, und oft auch unhöflich und barsch. Können sich die Russen nicht wie zivilisierte Menschen am Telefon mit ihrem Namen melden? Hier prallen zwei kulturelle Selbstverständlichkeiten aufeinander.

Aus russischer Sicht muß sich Derjenige als erster vorstellen, der anruft und nicht umgekehrt. Der Russe denkt: „Ich bin doch bei mir zuhause, und der Anrufer „klopft“ bei mir an. Der soll gefälligst sagen, wie er heißt.“ Deswegen meldet man sich in Rußland am Telefon nicht mit Namen. Privat nie und dienstlich fast nie.

Der deutsche Brauch, sich mit dem Namen am Telefon zu melden, erscheint hingegen den Russen eigenartig und unlogisch. Für das russisches Gehör wirkt das genau so unangenehm, wie das russische „Aljo!“ für die Deutschen.

Deswegen kostet es russische Mitarbeiter sehr viel Überwindung, sich mit ihren Namen zu melden. Daß die Vermittlung den Namen des Unternehmens sagen muß, das sehen die Russen noch ein. Aber daß jeder Mitarbeiter in jeder Abteilung nach Abheben des Hörers immer wieder seinen Namen sagen soll, ist schwer zu vermitteln. Die Russen denken dabei: „Warum immer wieder den Namen sagen. Der Anrufer ist doch schon zu mir verbunden worden und weiß bestimmt, wen er sprechen möchte.

Die deutsche Liebe zur absoluten Genauigkeit trifft auf das russische „Irgendwie“. Also wundern Sie sich nicht, wenn Sie in Rußland jemanden anrufen und auf der anderen Seite der Leitung nur knappes „Aljo?“ als Meldung bekommen. Das bedeutet nicht, daß ihr Gesprächspartner einen schlechten Ton pflegt.

Benimmregeln für Rußland Teil 5:  Der Umgang mit den russischen Frauen

Bei einem meiner interkulturellen Seminare ist mir ein Teilnehmer durch seine höfliche Art besonders positiv aufgefallen. Er achtete immer darauf, mir Wasser einzuschenken, half mir in den Mantel, machte die Tür für mich auf usw. „Alte Schule, Herr Meyer“, sagte ich anerkennend zu ihm. „Nee“, zwinkerte er mir zu, „russische Freundin.“

Ich will damit nicht sagen, daß alle russischen Männer perfekt erzogen sind. Ganz im Gegenteil, es gibt auch mehr als genug Grobiane in Rußland. Doch auch sie sind wie ausgewechselt, wenn es darum geht, eine Frau zu erobern. Galantes Benehmen einer Frau gegenüber ist ein wesentliches Merkmal für Mr. Perfect in Rußland. Ein Mann, der eine Dame vorbeiläßt oder ihr eine schwere Tasche abnimmt, macht immer Pluspunkte.

Komplimente

Auch eine knallharte russische Geschäftsfrau freut sich von Herzen, wenn ein Geschäftspartner ihr signalisiert, daß er sie anziehend findet. Aber warum freuen sich die russischen Frauen so sehr über Komplimente? „In allen Gesellschaften und Epochen wird vor allem das hochgeschätzt, was rar ist“, meint die Geschlechtsforscherin Swetlana Aivazova. „Die Geschichte Rußlands mit seinen unzähligen Kriegen und Revolutionen habe aus Frauen nach den Worten der Dichterin Zwetajewa „verlassene Soldatenfrauen“ gemacht.“

Mehr oder weniger zu allen Zeiten mußten die Russinnen sich über ihre Kräfte anstrengen. So bietet ihnen dieses harmlose Spiel der Galanterie ein Ventil, eine Möglichkeit ihr schweres Los zu vergessen. Angeblich bekommt eine Russin im Laufe ihres Lebens mindestens zehnmal so oft Blumen wie eine Westeuropäerin. Männer mit Blumensträußen, die auf die Uhr guckend auf die Dame ihres Herzens warten, sieht man in Moskau an fast jeder Ecke.

Der 8. März

Wehe, Sie haben vergessen, Ihren russischen Mitarbeiterinnen, Geschäftspartnerinnen, Freundinnen oder Bekannten zum Internationalen Frauentag zu gratulieren! Das Fest, das eigentlich als der internationale Frauentag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden begangen wird und in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf um das Wahlrechtentstand, war schon immer ein offizieller Feiertag in der Sowjetunion. Inzwischen ist der 8. März zu einem kommerzialisierten Feiertag geworden, auf den sich vor allem die Blumenhändler freuen. Doch auch im postsowjetischen Rußland wollen viele Frauen nicht auf dieses Fest verzichten. Zumindest an diesem Tag können sie sich mal ganz als Frau fühlen, Komplimente, Gratulationen und Geschenke entgegennehmen.

Weitere Tips:

Nach einem Rendezvous muß die Frau nach Hause bis vor die Haustür begleitet werden. Sollte das nicht möglich sein, wird ein Taxi gerufen und vor den Augen des Fahrers das Nummernschild notiert. Anschließend sollte man die Dame des Herzens zu Hause anrufen und sich erkundigen, ob sie gut angekommen ist.

Wenn Sie für eine Frau im Restaurant bezahlen, bedeutet das für Sie als Mann überhaupt nichts und verschafft Ihnen keine Sonderrechte. Denn für Restaurantbesuche gilt die simple Faustregel: Der Mann bezahlt immer.

Beim Aussteigen aus öffentlichen Verkehrsmitteln geht der Mann vor und bietet der Frau die Hand an.

Tabus

Russinnen mögen es im Allgemeinen nicht, wenn man Ihnen die Hand zur Begrüßung oder zum Abschied reicht. Händeschütteln ist in Rußland reine Männersache. Im Geschäftsleben ändert sich dies allerdings langsam. Übrigens, auch laut internationalem Knigge ist es die Dame, die als erste die Hand reicht und nicht der Herr.

  • Ein Mann sollte eine Frau nicht nach dem Weg zur Toilette fragen. Die plumpe Frage „Wo ist denn hier das Klo?“ würde eine russische Dame in Verlegenheit bringen.
  • Man fragt eine Frau nie direkt nach ihrem Alter.
  • Man schenkt nur eine ungerade Zahl an Blumen. Sträuße mit gerader Anzahl von Blumen bringt man nur auf Beerdigungen mit!
  • In der Öffentlichkeit am Tisch ist lautes Naseschnauben absolut tabu.
  • Über persönliche gesundheitliche Probleme, vor allem wenn es um Verdauung, Zähne oder Magen geht, spricht man nicht wenn Frauen anwesend sind

Über den Autor: Dr. Daria Boll-Palievskskaya

Dr. Daria Boll-Palievskskaya studierte in Moskau und Köln neben Philologie und Germanistik auch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen und der russischen Kultur.

Heute unterstützt sie als freiberufliche Trainerin und Beraterin für interkulturelle Kommunikation deutsche Unternehmen beim Rußlandgeschäft. Gleichzeitig veröffentlicht sie Fachbücher zu diesem Thema. Ihr aktuelles Buch heißt “Russische Frauen. Innen- und Außenansichten”.
Kontakt: www.fit-for-russia.de/html/fit_for_russia_kontakt.html