Home / Gesellschaft / Benimmregeln für Rußland in 5 Teilen

Benimmregeln für Rußland in 5 Teilen

BY DR. DARIA BOLL-PALIEVSKSKAYA

Interkulturelle Mißverständnisse sind nichts neues. Spätestens bei der Entdeckung Amerikas prallten verschiedene Kulturen aufeinander. Oft mit dramatischen Folgen.

Als Columbus die Küste des heutigen Costa Rica erreichte, schickten ihm die Indianer zwei nackte Jungfrauen entgegen. Ziel des Geschenkes war die Verbesserung der Handelsbeziehungen.

Aber statt sich zu bedanken, kleidete der Admiral die Mädchen und schickte sie sofort zurück ans Land. Damit ahnte er nicht, daß er eine tödliche Beleidigung den Einheimischen zufügte. Aus Freunden wurden Feinde.

Das (Un)Wissen über Regeln und Tabus in einer fremden Kultur kann also goldwert sein. Wie nehme ich ein Geschenkt entgegen? Und was bringe ich als Geschenk mit? Sage ich Du oder Sie? Ist es in russischen Restaurants üblich, getrennte Rechnungen zu verlangen? Auf diese und ähnliche Fragen finden Sie richtige Antworten in der Serie „Benimmregeln für Rußland“. In diesem ersten Kapitel geht es um die richtige russische Begrüßung.

Benimmregeln für Rußland Teil 1: Die Russische Begrüßung

Der Handeschlag ist als Begrüßung in Rußland genau so üblich wie in Deutschland. Allerdings gibt es auch Unterschiede.

Wenn das Händeschütteln in Deutschland ein sehr wichtiges Ritual ist, so wird diese Form der Begrüßung in Rußland so nicht zelebriert. Frauen wird zum Beispiel generell nicht die Hand gegeben. Man beschränkt sich auf eine verbale Begrüßung und/oder ein Kopfnicken. Allerdings hat sich das in Geschäftskreisen gelockert. Um auf Nummer sicher zu gehen, warten Sie einfach ab. Wenn die Dame selber keine Initiative ergreift, lassen sie es einfach bleiben.

A propos, laut internationaler Etikette ist es eben die Dame, die als erste die Hand reichen kann oder eben nicht. Was passiert also, wenn Sie eine russische Frau doch mit Händedruck begrüßen würden, denn in Deutschland ist es „als Ausdruck der Achtung“ zu verstehen? Nichts Tragisches. Sie müssen nur wissen, daß die meisten Russinnen das Händedrücken als unangenehm empfinden.

Übrigens, geküßt wird in Rußland zwar dreimal, aber nicht so, wie man das aus alten Klischees über Honecker und Breschnew kennt, auf den Mund, sondern nur unter engen Freunden und auf die Wange.

Nur wer bereit ist, sich auf die russische Art und Kultur einzulassen, wird in Rußland nachhaltigen Erfolg haben können.

Benimmregeln für Rußland Teil 2: “Du, Sie, Vor- oder Vatersname?”

Im Unterschied zu deutschen Umgangsformen, ist im Russischen die Anrede per Sie in Verbindung mit dem Vornamen sehr verbreitet. So sagt man zum Beispiel „Guten Tag Olga. Wie geht es Ihnen?“ oder „Alexander, können Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“.

Wenn sich im Geschäftsleben die Kollegen nur mit dem Vornamen ansprechen, heißt das nicht automatisch, daß sie sich auch duzen. Es ist auch üblich, sich beim offiziellen Kennenlernen nur mit dem Vornamen vorzustellen. Das bedeutet aber für Sie auf keinen Fall, daß Sie die Person auch duzen dürfen.

Denn die Distanz zwischen Du und Sie ist im Russischen genau so groß wie im Deutschen. Dabei gibt es jedoch mehr sprachliche Möglichkeiten, diese Distanz zu reduzieren.

Generell sprechen mit Vornamen an und bleiben trotzdem per Sie:

  • Dozenten ihre Studenten
  • Chefs ihre Mitarbeiter
  • ältere Leute jüngere Leuten usw.

Ein rein russisches Phänomen ist die Anrede mit Vor- und Vatersnamen wie z.B. Wladimir Alexandrowitsch, Ivan Wassilowitsch, Maxim Gennadowitsch. Für den Ausländer sind das oft richtige Zungenbrecher.

Es wird von Ausländern auch nicht erwartet, daß sie die Anrede mit Vor- und Vatersnamen beherrschen. Also können Sie den Geschäftspartner auch nur mit dem Vornamen ansprechen. Aber Vorsicht: Bleiben Sie trotzdem beim Sie.

Mit Vor- und Vatersnamen sprechen sich an:

  • Junge Leute ältere Leute
  • Mitarbeiter ihre Vorgesetzten
  • Schüler ihre Lehrer
  • Studenten ihre Professoren
  • oft Schwiegertöchter- und Schwiegersöhne ihre Schwiegereltern usw.

Es kommt also vor, daß Jüngere von Älteren in Verbindung mit dem Vornamen geduzt oder gesiezt werden, aber nicht umgekehrt.

Anders als in Deutschland werden Familiennamen bei der Anrede nicht verwendet. Die Anrede mit Herr bzw. Frau und Familienname klingt für das russische Ohr sehr distanziert und kalt.

Der Übergang zum Du vollzieht sich oft spontan, ohne große Ankündigung, so zu sagen „nach Gefühl“. Das bedeutet, daß die Beziehung ungezwungener und die Atmosphäre wärmer wird.

Und was ist aus dem weltberühmten „Genosse“ (Towarisch) geworden? Diese Anredeform ist im heutigen Rußland ein Anachronismus. Ernsthaft hat sie sich nur noch in der Armee und in der Kommunistischen Partei erhalten.

Nächste Seite:

Benimmregeln für Rußland Teil 3:  Nicht zuviel lächeln
Benimmregeln für Rußland Teil 4:  Telefonieren auf Russisch
Benimmregeln für Rußland Teil 5:  Der Umgang mit den Russischen Frauen