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Geopolitischer Strategiewechsel: Amerikas neuer Pivot

Von Rudolf Maresch

Fast unbemerkt von einer breiteren Medienöffentlichkeit haben die USA unter Präsident Obama ihren geopolitischen Schwerpunkt nach Fernost in den asiatisch-pazifischen Raum verlegt.

Die innenpolitische Bilanz des US-amerikanischen Präsidenten fiel nach seiner ersten Amtszeit insgesamt recht mager aus. Weder schaffte Barack Obama es, die unversöhnlichen politischen Lager zu Kompromissen zu verleiten, noch gelang es ihm, das gigantische Schulden- und Haushaltsloch zu stopfen. Außenpolitisch sieht die Lage dagegen etwas anders aus. Zwar erwischten ihn und seine Administration die Aufstände in Nordafrika auf dem falschen Fuß. Doch gelang es ihm auch, den Krieg im Irak zu beenden und einen Rückzugsplan für die amerikanischen Truppen am Hindukusch zu entwickeln.

Geopolitischer Strategiewechsel

Seinen größten außenpolitischen Coup vollzog er allerdings fast unbemerkt von einer breiteren medialen Öffentlichkeit. Still, leise und eher heimlich haben die USA unter Obama einen geopolitischen Strategiewechsel vollzogen und ihren außenpolitischen Schwerpunkt, der unter seinem Vorgänger George W. Bush aufgrund der Ereignisse um den elften September noch im Mittleren Osten und in Zentralasien lag, weiter ostwärts in die asiatisch-pazifische Region verlegt.

Grund für diese geografische Verschiebung ist der anhaltende und innerhalb eines Großteils der Administration als höchst bedrohlich empfundene Aufstieg des „Reichs der Mitte“ (http://www.foreignaffairs.com/articles/63042/g-john-ikenberry/the-rise-of-china-and-the-future-of-the-west) . Mit großer Sorge werden rund um den Potomac vor allem die militärischen See-Ambitionen des bevölkerungsreichstes Staates der Erde betrachtet, die massiven Investitionen in die Modernisierung der Waffensysteme genauso wie die Ausweitung der eigenen Luft- und Seestreitkräfte in der „Yellow Sea“. Erst jüngst hatte das Land mit viel Pomp und nationalem Stolz den Stapellauf des ersten Flugzeugträgers bejubelt.

Militärische Aufrüstung

In Washington ist man überzeugt, daß man dem militärischen Treiben des neuen Aufsteigers in Fernost nicht tatenlos zusehen kann und darf. Auch darum hat man seit 2010 die eigenen Anstrengungen in dieser Region massiv erhöht und verstärkt, in militärischer ebenso wie in diplomatischer Hinsicht. Dank vielfältiger Reisetätigkeit der Außenministerin Clinton und des Verteidigungsstabes im Pentagon ist es gelungen, mit den pazifischen Anrainerstaaten ein großes militär-politisches Netzwerk zu schmieden, vor allem um mögliche chinesische Ansprüche in der Region zurückzuweisen und/oder auszubalancieren.

So hat man sowohl mit Neuseeland, den Philippinen und Australien als auch mit Japan, Südkorea und Indonesien sowie dem „alten Feind“ Vietnam neue Bündnisse und Verträge geschlossen. Diese erlauben den USA, große Truppenkontingente zu stationieren, alte oder bereits stillgelegte US-Militärstützpunkte zu reaktivieren oder gar neue zu errichten. Gleichzeitig ist man übereingekommen, gemeinsame Seemanöver vor den Küsten Chinas abzuhalten und Waffen, wie etwa an die Philippinen, zu liefern. Erst jüngst fanden sich trotz massiven Protest Chinas amerikanische und südkoreanische Verbände zusammen, um das größte Seemanöver zu begehen, das im Südpazifik seit dem Korea-Krieg in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts stattgefunden hat.

Gleichzeitig hat der frühere Verteidigungsminister Leon Panetta bereits angekündigt, die „militärischen Kapazitäten zu verstärken“.

„Für lange Zeit“ werden, nach dessen Aussagen, „die USA in dieser Region militärische Präsenz zeigen und ausüben“. Spätestens 2020 sollen sechs Flugzeugträger mit entsprechendem Personal in der Asien-Pazifik-Region patrouillieren und einsatzbereit sein. Auch für zusätzliche Kampf- und Bodentruppen gibt es längst Pläne: Zum Beispiel hat sich Australien im vergangenen Jahr bereit erklärt, 2500 Marine-Kampfsoldaten in einem ihrer nördlichen Häfen zu stationieren.

Krieg eher (oder noch) unwahrscheinlich

„Als nicht vollkommen ausreichend“ hat Robert D. Kaplan jüngst diese Politik des „Offshore balancing“ gegenüber China in Anlehnung an die Thesen des einstigen Seegenerals Alfred Thayer Mahan in seinem viel beachteten Buch „The Revenge of Geography“ bezeichnet. Noch seien mögliche „Kampfhandlungen“ zwischen den beiden Großmächten in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.

Doch um einen Krieg völlig auszuschließen, müßten die USA auf den Aufstieg Chinas entweder mit einer „Politik der Zurückhaltung“ reagieren – was bei einigen Falken sofort die Sorge um ein „Appeasement“ in Erinnerung rufen dürfte. Oder sie müßten ihre geopolitischen Ambitionen in Ostasien überdenken und die chinesische Dominanz über die „erste Inselkette“, die Japan, die Ryukyu Inseln, Teile der koreanischen Halbinsel, Taiwan, die Philippinen sowie Indonesien und Australien umfasst, akzeptieren.

Freilich sind dies eine eher unwahrscheinliche Doktrinen für die Weltmacht USA und ihre imperialen Ansprüche nicht nur in dieser Region. Trotzdem könnte dies laut Kaplan eine Option werden, insofern das Land, vor allem wegen gigantischer Finanzprobleme, gezwungen ist, die Zahl seiner Kriegsschiffe von derzeit 280 um dreißig auf nur noch 250 zu begrenzen (Zum Vergleich: während der Präsidentschaft Ronald Reagans Ende der 1980er waren es mal über 550 Schiffe).

Bekräftigt wird Kaplans Statement obendrein durch eine Studie der RAND-Corporation (A Question of Balance, http://www.rand.org/pubs/monographs/2009/RAND_MG888.pdf).
Danach werden die USA spätestens 2020 nicht mehr in der Lage sein, Taiwan gegen einen möglichen chinesischen Feldzug zu verteidigen. Der Verlust Taiwans würde laut dieser Analyse dem „Reich der Mitte“ dann die völlige Kontrolle über die erste Inselkette ermöglichen.

Die Verlagerung des Pivots in den Pazifik-Raum

Freilich hat die Verlagerung des „Pivot“, wie es bei Sir Halford J. Mackinder (http://www.heise.de/tp/artikel/30/30976/1.html) vor gut hundert Jahren hieß, von Eurasien über den Größeren Mittleren Osten nach Fernost beileibe nicht nur militärische Gründe. Sowohl im Indischen Ozean als auch Südchinesischen Meer prallen nicht nur die energiepolitischen Interessen des Westens mit der politischen Theologie des Islam aufeinander, der Aufstieg Chinas mit dem Indiens, dort werden mittlerweile auch neunzig Prozent des Welthandels und zwei Drittel der Energietransporte abgewickelt, vor allem auch und durch die strategisch bedeutsamen Straßen und Meerengen von Hormuz und Malakka.

Zudem werden in den Gewässern vor den Küsten Chinas nicht nur reiche Fischbestände vermutet, sondern auch große Ölvorkommen und andere Rohstoffe. Nicht zuletzt deswegen kam es im Herbst 2012 auch zu etlichen militärischen und diplomatischen Scharmützeln zwischen China und den Anrainern, die auch vor den öffentlichen Straßen, Plätzen und ausländischen Vertretungen nicht Halt machten. So befinden sich sowohl die Philippinen als auch Vietnam oder Japan mit dem Land in Auseinandersetzungen über einige in der Südchinesischen See verstreute Inseln. Kein Wunder, daß in diesen Ländern die Angst vor dem „chinesischen Drachen“ groß ist und die US-amerikanische Offensive im Südpazifik in Tokio, Manila und Hanoi auf besonders offene Ohren trifft.

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