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Alternde Männer und der Mythos vom Testosteronmangel

Erschöpfung, Müdigkeit, Erektionsstörungen: Obwohl Testosteronmangel ins Reich der Mythen verbannt wird, geschehen auch beim Mann ab 50 Veränderungen.

Dauermüde ist der 52-jährige Hubert K. schon seit Wochen. Immer häufiger auch rasch erschöpft und manchmal sogar depressiv verstimmt. Darunter leidet seine Unternehmungslust – ins Kino oder ins Theater mag er nur noch selten gehen, Sport trieb er schon früher kaum. Und was ihm vor allem Sorgen macht: Die Lust am Sex hat nachgelassen. Wäre Hubert K. eine Frau, würde man von Wechseljahren reden. Beim Mann ist es etwas komplizierter.

Die physischen und psychischen Veränderungen haben dazu geführt, das Phänomen auch beim Mann sprachlich einzukreisen. Das «climacterium virile» soll 1910 erstmals wissenschaftlich beschrieben worden sein. Gemäß dem «Roche Lexikon Medizin» geht zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr des Mannes die Produktion des Hormons Testosteron zurück. Aus diesem Grund werde das vegetative Nervensystem labil, Herz- und Kreislaufbeschwerden seien in der Folge zu erwarten.

Neben dem Begriff des männlichen Klimakteriums haben sich mittlerweile andere sprachliche Neuschöpfungen etabliert, etwa «männliche Wechseljahre», «Andropause», «male midlife crisis» bis hin zum Begriff des «partial androgen deficiency in the aging male» (partielles Androgendefizit des alternden Mannes; abgekürzt: Padam)

Erektionsstörungen auch bei hohen Testosteronwerten

Eine Studie befördert die Wechseljahre des Mannes jedoch in den Bereich der Mythen. Im angesehenen medizinischen Fachblatt «New England Journal of Medicine» beschrieben Hormonexperten und Epidemiologen, daß viele Beschwerden alternder Männer «nicht oder nur wenig mit niedrigen Testosteronwerten zusammenhängen».

Mehr als 3300 Männer aus acht europäischen Ländern zwischen 40 und 79 Jahren wurden untersucht. Sie gaben unter anderem Auskunft über 32 mögliche Beschwerden, die früher immer wieder ursächlich auf niedrige Testosteronwerte zurückgeführt wurden.

Die aktuelle Studie zeigt nun, daß die Symptome kaum etwas mit dem Hormonhaushalt zu tun haben. Selbst bei Erektionsstörungen ist der Unterschied zwischen Männern mit Beschwerden und den anderen minimal. Erektionsstörungen gab es bei Männern mit erhöhten Testosteronwerten sogar häufiger – ein Befund, der aus der Spitzensport- und Bodybuildingszene seit längerem bekannt ist.

Gesichert scheint bisher also nur, daß sich der Hormonhaushalt des Mannes mit dem Alter verändert. Welchen Einfluß aber  der Hormonspiegel  tatsächlich auf altersbedingte Veränderungen hat, bleibt umstritten. Dies gilt vor allem für das vieldiskutierte männliche Geschlechtshormon Testosteron.

«Adam hat Padam»

Der Testosteronspiegel ist bei den Männern rund zehnmal höher als bei den Frauen. Bei einem gesunden, erwachsenen Mann liegt er zwischen 12 und 40 Nanomol pro Liter Blut. Die Eierstöcke der Frau stellen in den Wechseljahren die Produktion des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen komplett ein. Beim Mann hingegen nehmen die Testosteronwerte ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich um jährlich etwa ein Prozent ab.

Dies sind jedoch nur Durchschnittswerte, sie können von Mann zu Mann sehr unterschiedlich sein. Es ist nicht einmal klar, welche Werte für einen älteren Mann als normal gelten sollen. Manche Männer weisen mit 70 Jahren noch Hormonspiegel im definierten Normalbereich auf. Nur bei etwa 20 bis 30 Prozent der Pensionäre werden überhaupt tiefere Hormonspiegel nachgewiesen. Konkret messbar sind allenfalls die qualitativen und quantitativen Einbussen beim Ejakulat. Und ein durchschnittlicher Mann muß ab 50 Jahren eben damit rechnen, daß er sich nach einem Samenerguss meist nicht mehr so rasch erholt wie mit 20.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen – wenig überraschend – also die Störungen der Sexualfunktion beim alternden Mann. Der Pharmaindustrie ist dies natürlich hochwillkommen. «Adam hat Padam» lautet ein Slogan, den die PR-Branche für die Pharmaindustrie erfunden hat. Padam steht für einen Mangel an Testosteron. Ein anderer beliebter Marketingbegriff ist Anti-Aging, eine Bezeichnung für Massnahmen, um das biologische Altern des Menschen hinauszuzögern.

Es gibt eine Tendenz, den Mann ab 50 generell als Patienten zu definieren. Abhilfe sollen teure Aufbaupräparate mit Testosteron schaffen, propagieren Industrie und etliche Männerärzte, die Andrologen, seit einiger Zeit.

Männer mit Hormonen therapieren?

Tatsächlich existieren mittlerweile Testosteronpräparate für Männer in Form von Tabletten, Implantaten, Spritzen, Pflastern oder Gelen. Und weil viele Männer es nicht ertragen, daß mit den Jahren Gewicht und Stimmungstiefs zunehmen, Potenz und andere Kräfte aber schwinden, stiess die Kampagne auf fruchtbaren Boden. Die Werbung verspricht dem alternden Mann mehr Muskelmasse, mehr Manneskraft, mehr Mut, mehr Vitalität.

Damit wirbt auch die Schweizerische Gesellschaft für Andrologie. Ihr Präsident, der Arzt Christian Sigg, schreibt: «Die Testosterontherapie ermöglicht Männern ein viel angenehmeres Alter. Der moderne alternde Mann ist informiert, gebildet sowie vermögend und damit grundsätzlich einer sogenannten Ersatztherapie – die keineswegs nur auf das Testosteron beschränkt ist, sondern auch Wachstumshormon, Melatonin und Nebennierenrinden-Hormone umfasst – zugänglich.»

Wenn die Ursachen für die klassischen Männerprobleme aus den Veränderungen im Hormonhaushalt resultierten, würde es tatsächlich folgerichtig scheinen, Männer im Klimakterium mit Hormonen zu therapieren. Analog zu den Frauen, die seit Jahrzehnten in den Wechseljahren so behandelt wurden. Dort fand aber längst ein Umdenken statt. Vor allem seit Studien klar belegt haben, daß durch Hormontherapien ein erhöhtes Risiko besteht, an Brust- und Eierstockkrebs zu erkranken.

Warnsignale erkennen

Auch die Neubewertung bei den Männern ist jetzt in vollem Gang. Die Abgabe von Testosteronpillen zur Linderung von Altersbeschwerden hat offenbar wenig mit wissenschaftlich erhärteten Fakten zu tun. Viele Mediziner stehen der Testosteronsubstitution denn auch zunehmend kritisch gegenüber: «Der Nutzen einer Testosteronabgabe müßte durch zuverlässige Studien erst abgesichert werden. Der unkritische Einsatz von Testosteron birgt zudem unkalkulierbare Risiken», sagt Martin Reincke. Der Hormonexperte warnt vor allem vor Prostatakrebs. Testosteron kann nämlich das Wachstum eines entstehenden Tumors aktivieren. Er ist der häufigste Krebs bei Männern, jeder zehnte ist betroffen. Zudem könne Testosteron das Blut verdicken oder sogenannte Schlafapnoestörungen begünstigen, also Schnarchen in Verbindung mit wiederholten Atemstillständen.

Die kritische Gemeinde der unabhängigen Fachmediziner scheint sich mit ihrer Ansicht durchzusetzen. In der Regel bereitet die Hormonabnahme bei den Männern keine gesundheitlichen Probleme. Auch Erektionsstörungen liege nur selten ein Mangel an Sexualhormonen zugrunde. Meist haben sie andere Ursachen wie Tabletten-, Nikotin- und Alkoholkonsum, Übergewicht oder Streß.

«Eine Hormonersatztherapie ist also nur in begründeten Fällen empfehlenswert, wenn wiederholt niedrige Testosteronwerte auftreten und der Betreffende schwerwiegende Probleme hat. Sie sollte aber ausschließlich auf Verschreibung eines Arztes hin angewandt werden», sagt der Hormonspezialist Christian Meier aus Basel.

Aus all diesen Gründen scheint es ratsamer, nicht sofort in die Pharmakiste zu greifen, sondern sich frühzeitig mit dem Alterungsprozess zu beschäftigen, ein Bewußtsein für seinen Körper und seinen Geist zu entwickeln und vermehrt darauf zu achten, was gut ist für das Wohlbefinden.

Vor allem Männer entwickeln oft die Gabe, die Warnsignale von Körper und Psyche jahrelang zu ignorieren und fachliche Hilfe nur im akuten Notfall zu akzeptieren. Bis sie ab 50 Jahren gewissechronische Beschwerden nicht mehr verdrängen können und erschreckt feststellen müssen, daß sie älter werden. Etwas überspitzt formuliert: Männer fühlen sich topfit, bis sie tot umfallen.