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2013 – das Jahr des Bitcoin

Von STEPHAN DÖRNER Wallstreet Journal, Jänner 2014

Es begann mit einem neuen Allzeithoch: Ende Februar 2013 erreicht Bitcoin an der damals noch wichtigsten Handelsbörse

Mt. Gox einen Kurs von 33 US-Dollar beziehungsweise 26 Euro. Ende 2012 hatte der Preis für die virtuelle Währung noch bei 10 Dollar gelegen, Mitte Januar 2013 wurden die Coins zu je 15 Dollar gehandelt. Diesen steilen Aufstieg der virtuellen Währung nutzen viele Investoren der ersten Stunde, die ihren neuen Reichtum kaum fassen konnten, zum Verkauf. Sie erinnern sich an den Sommer 2011. Damals war der Bitcoin schon einmal bis auf 30 Dollar gestiegen, um dann nach Hackerangriffen auf Bitcoin-Besitzer abzustürzen.

In diesem Jahr hätten sie ihr virtuelles Geld lieber behalten. Bitcoin hat eine stürmische Entwicklung genommen, der Kurs explodierte zwischenzeitlich auf mehr als 1.200 Dollar.

Im Februar nimmt der Hype seinen Ursprung. Haupttreiber ist zu diesem Zeitpunkt die europäische Bankenkrise und die öffentliche Diskussion darüber, ob Kunden zyprischer Banken mit ihren Einlagen zum Teil für eine Pleite des Inselstaates haften sollen. Auch in den Krisenländern wie Spanien stürmen Bitcoin-Apps für Smartphones die Charts der App Stores von Apple und Google.

Abwehrwährung gegen das „Fiatgeld” der Notenbanken

Auch wenn es nicht zum großen Euro-Crash kommt – der außerhalb des Systems von Banken und Staaten existierende Bitcoin etabliert sich als Alternative für alle, die ihr Vertrauen in das „Fiatgeld” der Zentralbanken verlieren. Anders als von Notenbanken ausgegebene Währungen können Bitcoins nicht beliebig gedruckt werden, sondern werden durch ein Netzwerk von Spezialhardware errechnet. Die Geldmenge steigt nur langsam und besitzt eine absolute Obergrenze von 21 Millionen Bitcoin.

Im März werden erstmals auch die US-Behörden auf die Schattenwährung aufmerksam, die ohne zentrale Kontrolle auskommt. Die dem Finanzministerium unterstellte Behörde Financial Crimes Enforcement Network stellt klar, daß auch virtuelle Währungen dem Geldwäschegesetz unterliegen. Das bedeutet: Wer Bitcoin gegen andere Währungen in den USA tauscht, unterliegt strengen Vorschriften und muß die Personalien der Kunden aufnehmen. Manch einer sagt der virtuellen Währung damals schon den baldigen Untergang voraus – immerhin ist ein Hauptanwendungsfeld der Schattenwährung damals der Kauf von Drogen und anderer illegaler Waren im sogenannten Darknet – einem Teil des Internets, der nur mit dem Anonymisierungsdienst TOR betreten werden kann.

China läßt Bitcoin-Kurs massiv einbrechen

Doch die Reaktion der Marktteilnehmer ist anders als von vielen erwartet: Dass sich US-Behörden nun explizit um die Hackerwährung kümmern, wird als Ritterschlag empfunden. Und stoppen, so die Überzeugung der meisten in der Bitcoin-Szene, läßt sie sich durch Verbote ohnehin nicht. Anfang April ist ein Bitcoin schon rund 180 Dollar wert, kurz darauf knackt er die 200 Dollar-Marke. Innerhalb von drei Monaten ist der Wert des virtuellen Geldes gegenüber dem US-Dollar um 300 Prozent angewachsen.

Im April geben die Winklevoss-Zwillinge bekannt, daß sie ein Prozent sämtlicher Bitcoins besitzen. Die Wagniskapitalgeber und Unternehmer sind vor allem durch ihren Rechtsstreit mit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bekannt geworden. Bis heute zeigen Analysen, daß die im System vorhandenen rund 12 Millionen Bitcoin extrem ungleich verteilt sind. Im Sommer kündigen die Brüder einen börsengehandelten Bitcoin-Fonds an

Drogenbörse Silk Road wird geschlossen

Einen weiteren Test besteht die Währung mit der Schließung der Schattenbörse Silk Road – nach einem Zufallsfund: Der 29-jährige Betreiber wird an der kanadischen Grenze mit neun gefälschten Pässen festgenommen. Anfang 2013 wird die Börse von der US-Bundespolizei FBI geschlossen und die auf der Börse gehandelten Bitcoin werden beschlagnahmt. Seitdem sind die USA einer der weltweit größten Besitzer von Bitcoins. Auf den Bitcoin-Kurs hat das aber – entgegen der Erwartungen vieler – keine negativen Auswirkungen. Dabei war die illegale Börse eine der Hauptanwendungen für die Währung.

Zunehmend steigen auch Start-ups auf das Thema ein, Anfang November allerdings meldet das Bitcoin-Start-up Alydian aber schon wieder Insolvenz an. Die Akzeptanz der virtuellen Währung jedoch steigt: Im November erklärt Ebay, daß es sich Bitcoin als Zahlungsmittel vorstellen kann. In Kanada werden Anfang November die ersten Bitcoin-Geldautomaten aufgestellt.

Mitte November knackt der Bitcoin-Kurs die Marke von 400 Dollar – vor allem durch die vermehrte Nachfrage aus China. Auch von einem der ersten Bitcoin-Fonds, der im September von dem New Yorker Unternehmen Second Market gegründet wurde, profitiert der Kurs.

Eine Anhörung im US-Senat Ende November sorgt für neue Höhenflüge des Kurses. Als positives Signal wird gewertet, daß Bitcoin inzwischen so etabliert sind, daß sich sogar der amerikanische Kongress mit dem Thema beschäftigt – und zwar nicht nur im Zusammenhang mit möglichen kriminellen Geschäften und Geldwäsche. Experten wie führende Mitarbeiter aus Justiz und Verwaltung sagen vor den US-Abgeordneten aus, daß virtuelle Zahlungsmittel nützlich sein können. Auch die Bitcoin Foundation wird eingeladen. Das US-Justizministerium betont bei der Anhörung ebenso die möglichen Vorzüge virtueller Währungen wie die US-Notenbank Fed. Das treibt den Preis der Bitcoin November auf über 700 Dollar.

China wird Haupttreiber

Doch damit ist nicht Schluß. Ende des Jahres sorgen Nachrichten aus China für weitere Höchststände. Lange ist die chinesische Regierung eine Strategie der Duldung gegenüber der digitalen Schattenwährung gefahren: Töchter des chinesischen Internet-Giganten Baidu akzeptieren die Währung, im staatlichen Fernsehsender CCTV laufen Berichte über Bitcoin. Laut Experten ist der Regierung klar, daß Chinesen die Währung auch benutzen, um Devisensperren zu umgehen und ihre Landeswährung Renminbi in US-Dollar zu tauschen. Es könnte also ein gewolltes Experiment Chinas geben, Devisenhandel in begrenztem Maße zuzulassen.

Vor allem die Nachfrage aus China treibt den Bitcoin-Kurse Ende November auf über 1.200 Dollar– eine Bitcoin-Börse in Shanghai, auf der Bitcoin lange ausschließlich gegen Renminbi gehandelt wurden – hat Mt. Gox da in Sachen Handelsvolumen schon längst überholt.

Doch gegen Ende des Jahres tritt China auf die Bremse: Privatbanken wird der Handel mit Bitcoin verboten, die Zentralbank warnt vor den Gefahren der unregulierten Währung. Die Ankündigung einer Baidu-Tochter, das Geld nicht mehr anzunehmen, läßt den Wert des Bitcoin schlagartig auf bis zu 800 Dollar einbrechen. Auch andere Notenbanken und staatliche Aufsichtsbehörden wie die Europäische Bankenaufsicht EBA warnen vermehrt vor der Währung.

Mitte Dezember fällt der Bitcoin-Kurs auf weniger als die Hälfte des Allzeithochs – aus Angst, die chinesische Regierung könnte den Handel mit Bitcoin komplett blockieren. Die BTC China kündigt an, keine Einzahlungen in Renminbi mehr anzunehmen – vermutlich auf Druck der Behörden. Die Börse OKCoin aus Peking veröffentlicht eine ähnliche Erklärung.

Was 2014 wichtig wird

Die heftigen Kursschwankungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß der von vielen erwartete völlige Zusammenbruch der Schattenwährung bisher ausgeblieben ist. Noch allerdings hat der Bitcoin einige Herausforderungen zu meistern: Die wilden Ausschläge im Handel und die Tendenz zur Deflation durch die feste Obergrenze machen ihn derzeit für allem für Spekulanten attraktiv – erfüllen aber kaum die Funktion einer Währung. Die allermeisten Bitcoin-Besitzer horten ihr virtuelles Geld in der Hoffnung, daß es mehr wert wird, statt es auszugeben.

Auch zeichnet sich ab, daß die chinesische Regierung der wachsenden privaten Nachfrage nach dem virtuellen Geld nicht mehr tatenlos zusieht. Möglicherweise sieht China den Bitcoin als Alternative zum Dollar, wahrscheinlicher aber scheint derzeit, daß dem autoritären Regime die wachsende Bedeutung einer Schattenwährung ohne staatliche Kontrolle zu heiß wird. Wenn sich der Bitcoin-Kurs stabilisiert, böte die Währung durchaus interessante Möglichkeiten – beispielsweise grenzüberschreitende kostengünstige Überweisungen.

Ein möglicherer Treiber einer weiteren Kursentwicklung für 2014 wird der Einstieg von Investmentfonds. Wenn sie auch nur einen winzigen Teil des von ihnen verwalteten Vermögens in das virtuelle Geld investierten, würde das die Nachfrage erheblich erhöhen. Insbesondere, falls das Niedrigzinsumfeld noch weiter anhält, werden Vermögensverwalter weiter händeringend nach renditeträchtigen Anlageklassen suchen.